Mit zwei Beinen aus Hightech: Wie Roger uns zeigt, dass Prothesen keine Scham, sondern Superkräfte sind
- Ruth Aschilier

- 4. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
«Walk for Sepsis Prevention», Reise-Etappe 8
Hallo, wunderbares DU
Vom Kriegsversehrten zum Kilometerkönig
Früher landeten Prothesen im Museum: hölzerne Stelzen, schwere Metallgestelle, gebaut für Kriegsversehrte, die einfach «irgendwie stehen» sollten. Bis heute ist Roger auf seinen zwei Beinprothesen weit über 1000 Kilometer gelaufen, ohne eine einzige Reparatur. Und der läuft weiter – ja, bis Playa de Inglés. Er zeigt uns damit, wie weit die Technik gekommen ist. Gleichzeitig erinnert er uns daran, dass Prothesen nicht nur etwas für «die anderen» sind, sondern für uns alle eine ziemlich normale Sache.
Was ist überhaupt eine Prothese?
(Psychologisch logisch)
Rein technisch ist eine Prothese ein künstlicher Ersatz für ein Körperteil, das fehlt oder nicht mehr richtig funktioniert. Rein menschlich gesehen ist eine Prothese einfach ein Hilfsmittel – und davon haben wir mehr, als uns lieb ist:
Die Brille auf der Nase? Eine Prothese für die Augen.
Das Hörgerät im Ohr? Eine Prothese für das Gehör.
Der Rollator im Flur? Eine Prothese für die Beine.
Zahnersatz? Eine Prothese fürs Lächeln.
Der Psychologe/der Coach? Eine Unterstützung fürs Oberstübchen.
Wir alle benutzen Prothesen, doch viele schämen sich dafür. Der Rollator bleibt im Keller, das Hörgerät wird versteckt, die Brille wird «nur zum Lesen» getragen, und vom persönlichen Coach sprechen wir nur dann, wenn es zur Sache geht beim Sport.
Roger macht genau das Gegenteil: Er zeigt seine Prothesen, erklärt sie und macht damit Mut.
Rogers Beine: Unterschenkelprothesen und ein paar Mini‑Prothesen
Roger hat zwei Beinprothesen nach Unterschenkel‑Amputation. Das heisst: Seine Knie sind noch da, aber darunter kommt Technik statt Knochen. Das schafft spannende Unterschiede:
Rogers Glück im Unglück – Unterschenkelprothesen: Das Knie bleibt natürlich, die Prothese ersetzt das Bein ab darunter.
Bei Knieprothesen wird es technisch deutlich komplexer, weil ein künstliches Gelenk Bewegung, Belastung und Balance gleichzeitig stemmen muss.
Roger macht das während unseres LIVE-Gesprächs deutlich. Er zeigt sein Ersatzbein mit den Schuhen, wie das Fussgelenk gebaut ist, und auch sein schnügge «Mini-Prothesen-Set»: kürzere Prothesen, die er vor allem zum Duschen nutzt. Warum? Weil auf nackten Stümpfen in der Dusche stehen ungefähr so schlau ist, wie auf Glatteis mit Socken zu laufen. Mit den kurzen Prothesen kann er stabil stehen, und auch seinen Hintern waschen – und fällt nicht auf die Nase. Sehr praktisch, sehr ehrlich, sehr menschlich.
Vakuum, Silikon & Hightech‑Gelenke: Wie seine Prothesen funktionieren
Moderne Prothesen sind kleine technische Wunderwerke. Roger beschreibt sie etwa so:
Preis: Pro Bein liegt man schnell im Bereich eines Kleinautos – er spricht von rund 15'000 bis 20'000 Schweizer Franken. Das klingt krass, aber ohne diese «Hightech‑Beine» wäre jeder Schritt eine Qual oder schlicht unmöglich.
Befestigung:
Vakuumprothesen saugen sich über Unterdruck an den Stumpf, wie ein sehr hartnäckiger Staubsauger.
Rogers Prothese arbeitet mit Silikon, das sich wie eine passgenaue Hand an den Stumpf «ansaugt». Das gibt Halt, Komfort und weniger Druckstellen.
Kurz gesagt:
Pro Vakuum: sehr fester Halt, gute Kraftübertragung.
Contra Vakuum: Kann bei Hitze, Schweiss oder kleinen Undichtigkeiten nervig werden.
Pro Silikon: Angenehmes Tragegefühl, weiche Polsterung, einfacher anzulegen.
Contra Silikon: Kann warm werden, Pflege wichtig, Materialalterung möglich.
Dazu kommt ein Spezialgelenk im Fussbereich. Die Füsse müssen beweglich sein, damit man nicht wie ein Roboter durchs Leben stapft. Roger kann zeigen, wie dieses Gelenk beim Gehen, Stehen und Balancieren arbeitet – unbedingt das Video anschauen, da sieht man die Technik «in Aktion».

Paraolympics & S‑Förmige Rennprothesen:
Wenn Technik fliegt
Wer einmal einen Sprint bei den Paralympics gesehen hat, kennt sie: diese grossen, geschwungenen Prothesen, die aussehen wie ein riesiges „S“. Sie sind dafür gemacht, Energie zu speichern und wieder freizugeben – wie eine Feder.
Für den Körper bedeutet das:
Die Balance zu finden auf diesen «Federn» ist echte Arbeit.
Jeder Schritt braucht Vertrauen in das Material und den eigenen Mut.
Laufen wird zur Teamarbeit zwischen Mensch und Technik.
Roger ist kein Profi‑Sprinter, aber er zeigt eindrücklich: Mit den richtigen Prothesen kann man gehen, wandern und eben über 1000 Kilometer unterwegs sein – das ist für viele Menschen schon ein persönliches Olympianiveau. Und er läuft weiter und weiter, bis Playa del Ingles.
100 Jahre Entwicklung:
Vom Holzbein zur Hightech‑Prothese
Vergleicht man die Prothesen von vor 100 Jahren mit denen von heute, bewegt man sich vom Museumskeller in die Raumfahrt:
Früher:
Starre Holzbeine, schwere Metallteile.
Kaum Anpassung an den individuellen Körper.
Ziel: «Irgendwie stehen und gehen».
Heute:
Individuell angepasste Hightech‑Prothesen mit Gelenken, Dämpfung und Flexibilität.
Materialien, die leicht sind und Belastung aushalten.
Ziel: aktiv leben, arbeiten, Sport treiben, reisen, tanzen.
Schuhe, Stil & Stolz;
Warum Rogers SMOKING kurze Hosen hat
Natürlich hat die Technik auch Nebenwirkungen auf den Alltag:
Die geliebten italienischen, spitz zulaufenden Lederschuhe? Für Roger Geschichte.
Heute braucht er Turnschuhe mit guter Federung und rutschfesten Sohlen. Orthopädisch sinnvoll, aber modisch eine Umstellung.
Statt das zu verstecken, macht er etwas ganz anderes:
Er trägt seinen Anzug – seinen SMOKING – mit kurzen Hosen, damit man die Prothesen sieht.
Er zeigt alles her, erklärt, wie es funktioniert, und macht deutlich: Das ist nichts Peinliches, das ist Teil seines Lebens und seiner Geschichte.
Diese Offenheit ist vielleicht seine grösste Prothese: eine mentale, eine psychologische. Sie hilft ihm, stolz zu sein, statt sich zu schämen. Und sie hilft anderen, sich mit ihren eigenen Hilfsmitteln versöhnt zu fühlen.

Ohne Versicherung und Orthopäden geht gar nichts
Zum Schluss noch ein ernst gemeintes Lob:
Ohne gute Orthopäden gäbe es diese passgenauen, funktionellen Prothesen nicht.
Ohne ein System, in dem Versicherungen solche Hilfsmittel übernehmen, wären sie für viele unbezahlbar.
Es ist leicht, über «das System» zu schimpfen – aber in Fällen wie Roger zeigt sich, wie wichtig es ist, dass medizinischer Fortschritt und gesellschaftliche Unterstützung zusammenarbeiten.
Fazit: Prothesen sind keine Schande, sondern Tools fürs Leben
Roger hat mit seinen Prothesen über 1000 Kilometer zurückgelegt. Zwei künstliche Beine, mehrere Prothesentypen, Spezialschuhe, Dusch‑Mini‑Prothesen – und jede Menge Humor.
Die eigentliche Botschaft:
Prothesen sind Hilfsmittel wie Brillen, Hörgeräte oder Zahnersatz.
Wir dürfen sie sehen, zeigen, benennen und nutzen, ohne uns zu schämen.
Und wenn jemand mit «Beinen aus Hightech» tausende Kilometer geht, dürfen wir ruhig zugeben: Das ist ziemlich beeindruckend.
Wenn Du mehr erfahren willst, wie Rogers Prothesen aussehen, funktionieren und im Alltag eingesetzt werden – schau Dir unbedingt das Video und den Podcast an. Dort zeigt er seine Technik, sein Training und seinen Alltag live und in Farbe.
Herzlichst
Ruth
Mein nächstes Gespräch mit Roger.
Der Sendeablauf mit speziellen Fragen zu seinen Themen, ganz in seinem Sinne – PRÄVENTION mit KLARTEXT. Es enthält auch alle wichtigen LINKS zu unseren Gesprächen als YouTube und oder als Podcast.
Gibt es etwas, das Dich ganz besonders interessiert? Dann lass es uns wissen.
Der Welt-Sepsis-Tag findet jedes Jahr am 13. September statt
Bis dahin bleibt diese Reise lebendig.
Rogers Weg geht weiter – und mit ihm die Einladung an alle, den eigenen Körper nicht länger zu übergehen.
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einer perfekten Antwort, sondern mit einer einfachen, offenen Frage:
Follow Roger täglich: Hier geht es zu seinem Facebook-Profil



Kommentare